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Ostsee/Dänemark
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Törnbericht Ostsee/Dänemark
Ein Segelrevier mit vielen Dimensionen
20. Juli 1997. Hochdruckgebiete rund um
uns herum. Nur... wir sitzen im Hafen von
Wendtorf fest. Der Grund: Der Himmel ist
grau in grau und es regnet immer wieder.
"Das ist die Ostsee", sagt Lore und fragt:
"Wann laufen wir aus?" Im Hafen heult
der Wind durch die Takelagen des
Mastenwaldes. Um 8,30h öffnet der
graue Himmel einige Fenster und die
Sonne zeigt sich, sie sagt uns: "Bewegt
Euch, segelt endlich los".
Wir reffen das Groß (1.Reff) und Leinen
los. Wir sind draußen. Der trostlose
Hafen von Wendtorf mit seinen BetonBlock-Häusern bleibt zurück. Unsere
topgetakelte Bavaria 35 setzt sich bei
diesem Seegang gut durch. Mit gerefftem
Groß und Genua segeln wir Nordwest
315 . Den Kieler Leuchtturm
(Signalstelle Kielerbucht) passieren wir
Steuerbord. Noch einige verrückte
Segler sind draußen. Sie geben uns Mut
und wir bleiben auf diesem Kurs. Vor
Damm 2000 südlich der Bohrinsel wenden wir. Neuer Kurs 60 . Der Wind bläst
mit 6 bft, in Böen 7. Seegang und Gischt
im Cockpit machen es uns ungemütlich.
Unser Ziel ist die dänische Insel
Langeland, Südspitze Bagenkopf.
15,00h. Ich versuche, ein Kartenfix von
Decca zu bekommen. Nach Deren Angaben sind wir an der Nordspitze von
Dänemark. Ich ärgere mich, keinen eigenen GPS an Bord zu habe.
Kreuzpeilung! Vergeblich! Die Sicht ist zu
schlecht. Die deutsche Ostseeküste ist
ein Strich. Auf der Karte hat der höchste
Berg 25m. Ich blicke nach Norden, das
Gleiche. Der höchste Berg auf Langeland
hat 30m. Kein Leuchtturm, keine
markante Landsilhouette und eine
Kreuzpeilung nicht möglich. Lore fragt,
wo wir sind. Meine Antwort: Auf der
Ostsee. Ich sehe eine hoffnungsvolle
Landerhebung im Südosten. Das muß
Fehmarn sein. "Klar zur Wende", "ist
klar", "Ree". Neuer Kurs 320
17,30h, wahrscheinlich sind wir zwischen
Langeland und Ærösköbing... geschafft?
Ich versuche noch ein Fix zu kriegen.
Nach Decca sind wir an der Schottischen
Küste. Weiterer Versuch, nach den
Tiefenlinien der Karte zu navigieren...
vergeblich. Die ganze Ostsee ist
durchschnittlich 12 m tief. Unser
Tiefenmesser zeigt 6m. Eine Stunde
später höre ich auf Kanal 16 NorddeichRadio einen Notruf "50 sm westlich von
Bornholm Segelyacht Windmühle treibt
seit 6 Stunden mit gebrochenem Ruder
und gerissenen Segeln, manövrierunfähig. Der Skipper ist allein. Bis zur Stunde
keine Nachricht. Bitte um das in dem
Gebiet befindliche Schiffe Ausschau
halten..." Der Himmel ist wieder grau in
grau. Tiefe Regenwolken von Norden
galoppieren auf uns zu. In Böen bläst der
Wind mit 35 kn. Wir bolzen direkt gegen
an. Ich starte den Motor, um Höhe zu
gewinnen. Hinter uns folgt seit einer
Stunde ein Schiff. Wir wenden, es
wendet auch, es versucht, direkt in unserem Kielwasser zu bleiben. Die glauben wahrscheinlich, daß wir auf dem
richtigen Kurs sind. Plötzlich gießen die
Wolken ihre gesamte Flüssigkeit runter.
Die Sicht ist fast null, ich suche Lore im
Cockpit, sie sitzt neben mir. Der Tiefenmesser zeigt immer noch 6m. Ich
habe eine geniale Lösung, uns vor dieser
Dusche zu retten: Beilegen mit Anker.
Lore meint: "Kannst Du mitten in der
Ostsee ankern...?" Ich bin gerade dabei
den Anker zu werfen, plötzlich ist der
Regen vorbei. Immer noch starker Wind,
mit 25 kn. bläst er über uns, aber die
Sicht ist besser. Wir sind zwischen
Ærösköbing und Langeland. Eine
schnelle Kreuzpeilung zeigt mir, daß wir
dicht an der Südwestspitze der Insel
Ærösköbing sind. Nachdem wir die Ansteuerungstonne der Fahrrinne ausgemacht haben, ist es kinderleicht, die
Hafeneinfahrt von Marstal zu finden.
Unsere Verfolger segeln weiterhin brav in
unserem Kielwasser.
Marstal war einst ein berühmter Schiffbauplatz. Diese Tradition ist bis heute
lebendig und bildet den Lebensnerv der
kleinen Handelsstadt. Auf den Werften
wird zwar nicht mehr neu gebaut, aber
der Reparaturbetrieb an Küstenmotorschiffen beachtlicher Größe floriert. Wer
Marstal jemals wie wir von Süden angelaufen ist, mag sich darüber wundern,
wie die großen Pötte, durch die enge
Rinne in den Hafen gelangen.
Unter Motor, nachlassendem Wind und
leichtem Regen laufen wir in den häßlichen Hafen ein. Wieder ist kein einziger
Liegeplatz mehr frei. Ich finde ein Lücke
neben der Werft und sofort machen wir
längsseits mit Vor- und Achterleine,
Vorspring und Achterspring fest. Sämtliche Fender bringen wir aus. Wir sind naß
bis zur Unterhose. Es gibt nichts
Schöneres, als nach einem nassen Segeltag im Hafen anzulegen und trockene
Sachen anzuziehen. Es ist wie eine
Wiedergeburt, eine Art von Erlösung.
Bei einem Spaziergang durch die kleine
alte Stadt entdecken wir ein ganz anderes Bild von Marstal. Hier ist alles heimelig. Die Gassen und die alten Häuser
sind in menschlichem Maßstab gebaut
und vermitteln den Eindruck, hier lebten
einst Gullivers Liliputaner.
Ein- und zweigeschossige Häuser in
verschiedenen Pastellfarben reihen sich
aneinander. Mit ihren geschmückten
Sprossenfenstern bilden sie eine warme,
einladende Kulisse. Wir besuchen das
alte Marstal-Schiffahrtsmuseum. In den
Räumen mit der gesamten
Schiffahrtsgeschichte, fühlen wir uns in
diese Epoche versetzt. Aus dieser Zeit
stammen die stolzen Windjammern,
damals, als "die Schiffe aus Holz und die
Männer aus Eisen" waren.
Spät abends pflanzen wir uns in ein
schiffiges Lokal und krönen unsere harte
60 sm Etappe, mit franz. Weißwein,
Zanderfilet gebraten mit Pfifferlingen in
Rahm auf Tagliatelle.
Um 11,15h spuckt uns der Hafen von
Marstal aus. Bei 20 kn. Wind setze ich
Segel und wir kreuzen Richtung Norden
der dänische Südsee entgegen. Bei der
schmalen Fahrrinne von 5 bis 7m Wassertiefe ist unsere ganze Aufmerksamkeit
gefragt. Backbord- und Steuerbordseite
sind perfekt mit Tonnen markiert.
Außerdem gibt es Wegepunkt-Tonnen,
die auf der Karte numeriert sind. Man
muß in diesen Gewässern wie aus dem
Lehrbuch navigieren. Ein ideales Ausbildungsrevier. Übrigens, in dänischen
Gewässern braucht man keinen Segelschein. Die Dänen behaupten, sie seien
von Geburt her Seemänner. Vercharterer
fragen nur nach Erfahrung.
Am Nachmittag läßt der Wind nach und
dreht nach Osten. Ich denke, ab heute
wird uns diese typische Westwetterlage
ihre gute Seite zeigen. Der graue Himmel
verdunstet langsam und wir segeln sanft
unter der wärmenden Sonne im Kleinen
Bellt nach Norden. Ich fordere immer
wieder naheliegende Schiffe zu einer
kleinen Regatta heraus. Wenn sie das
merken, sieht man sofort Bewegung im
Cockpit, Segel werden dicht geholt.
Ein kleiner Schärenkreuzer, zieht an uns
vorbei. Bis zur Insel Arö können wir ihn
nicht einholen.
Werden Cetin und Lore die spontane Regatta noch gewinnen?
Weiter im WELLENBRECHER 32
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