Nachdem kurzfristig noch ein Platz frei war, meldete ich mich zu diesem Törn an, ohne eine Prüfung ablegen zu wollen. Das hatte ich nämlich schon im April 95 auf einem BR-Törn mit Çetin und Rita getan.
Diesmal war jedoch ein Flotillentörn geplant. Zwei Schiffe, zwei Skipper und zwei Crews versprachen viel Spaß und viel seglerische Ausbildung. Çetins Schiff war eine Gib Sea 44, besetzt mit 5 Prüflingen, Çetin und seinem Coskipper Hans. Unser Schiff war eine Gib Sea 39 unter dem Kommando von Rita, unterstützt von Coskipper Walter mit drei Prüflingen und mir.
Nach dem Großeinkauf im Supermarkt in Hyères konnten wir dann am Samstag bei Wind und Wolken ablegen und begannen auch gleich mit dem Üben von Wenden in der Bucht von Hyères. Unsere Prüflinge zeigten dabei schon ab dem ersten Tag solch ein Geschick, daß wir abends entspannt vor Porquerolles ankern konnten. In der Ferne beobachteten wir gespenstisches Wetterleuchten, das aber nicht näherzukommen schien. Beim Abendessen (nach einem erfrischenden Bad im Meer) beschlich mich dabei zum Ersten Mal das Gefühl, auf einem wahren Schlemmerschiff gelandet zu sein. Die Fettucini mit Auberginengemüse in Tomatensoße waren ein Gedicht. Schnell danach ging's in die Kojen, doch schon nach einer Stunde war die Ruhe vorbei. Ein Donnerschlag weckte uns alle, und die nächsten Stunden sollte ein kräftiges Gewitter über uns toben. Wir trösteten uns dabei mit dem Gedanken, daß im Zweifelsfall Çetins Mast der höhere wäre.
Der nächste Tag bescherte uns einigen Regen, doch der konnte uns von weiteren Übungen (Beiliegen, Wenden, Halse, Rückwärtsfahren unter Motor) nicht abhalten. Am Abend im Hafen von Porquerolles verdichteten sich erneut die Hinweise, auf dem Feinschmeckerschiff gelandet zu sein: Rita kochte ihr geniales Zucchinigemüse.
Die strahlende Sonne weckte uns am nächsten Morgen und der Wind zeigte dabei, was er konnte: Wir hatten Mistral. Um dem etwas zu entkommen, machten wir uns schnell auf den Weg gen Osten und nach wenigen Stunden auf bequemem Halbwind- oder Raumschot-Kurs erreichten wir St. Tropez. Beim Einholen des Groß erfuhren wir allerdings die Tücken eines Rollgroß: Die "Großeinholeschot" war aus ihrer Befestigung im Mast ausgerissen. Doch gemeinsam mit den Technikern von Çetins Schiff konnten wir dies im Hafen von St. Tropez auch wieder reparieren. Hans löste dabei mit unglaublicher Geduld und viel Gefühl eine festgefressene Schraube, während wir inzwischen versuchten, die Schot durch den Baum zu fädeln. Gar nicht so einfach! Belohnt wurden wir wiederum mit einem köstlichen Abendessen (Putengeschnetzeltes als Hauptgericht; auf die diversen Vor- und Nachspeisen kann ich aus Platzgründen leider nicht eingehen).
Die nächsten Tage verbrachten wir vor St. Raphaël mit Übungen unter Segel und Motor; die Mann-über-Bord-Manöver gelangen unter Ritas Anleitung immer besser, und auch die Hafenmanöver sollten für unsere Prüflinge zur Routine werden. Morgens gab's zum Frühstück jeweils Ritas Trockenübungen mit dem Papierschiff auf dem Tisch, wo auch gleich alle Kommandos geübt wurden. Doch auch während dieser anstrengenden Tage mußten wir nicht hungern: Das feine Brassenfilet mit Weißwein-Sahne-Lauch-Soße oder Walters frische Spätzle mit Champignongemüse waren beispiellos.
Inzwischen war schon Freitag und die Prüfung stand ins Haus: Um 10 Uhr startete Jürgen mit seinem souveränem Ablegemanöver an diesem sonnigen Tag mit nur wenig Wind (2-3). Alle unsere Prüflinge konnten dabei bei dem etwas wortkargen Prüfer ihr solides Können unter Beweis stellen. Indes brachte sie der zum Ersten Mal so schwache Wind nicht aus dem Konzept und ihr BR-Schein war gesichert. Leider schlief danach der Wind völlig ein, so daß sich die nun anschließende Prüfung auf Çetins Schiff bis in den frühen Nachmittag hinzog. Wir motorten inzwischen zurück Richtung Hyères, und schon nach einer Stunde begann uns wieder der Wind mit Stärke 5 - 6 zu verwöhnen - nur die Richtung war nicht ganz optimal: wir hatten Gegenwind, so daß unsere Kreuzfahrt bis um 1 Uhr am nächsten Morgen dauerte. In Hyères dann freuten wir uns zusammen mit Çetin und seiner Crew über das Bestehen von allen Prüflingen und feierten bei einem feinen Rotwein den erfolgreichen Abschluß dieses Törns in unserem gemütlichen Salon. Ein Hoch auf Rita und Çetin!
Andreas Grom