Regatta der Eisernen 2015

“Die Regatta der Eisernen”

Segelbericht der 40. “Eisernen” Konstanz/Bodensee

28.11.2015

Wie könnte ein Regattatag wohl schöner beginnen als der heutige Tag? Genau! Zur unchristlichen Uhrzeit 5:30. Während ich mir Tee und Vesper richte schaue ich aus dem Fenster und sehe, dass sogar Frau Holle ihrem Job nachkommt und alles mit Schnee bedeckt hat. Schöne Sch…. ! Mit Logik und Vernunft kann diese Regatta nichts zu tun haben und mit Spaß erst recht nicht. Und der Gedanke, dass diese Regatta nicht umsonst “Regatta der Eisernen” heißt und heute knapp 260 verrückte grenzdebile Segler anlockt verbessert die Situation auch nur unmerklich. Nun gut, absagen ist keine Option für die Seglerehre also kneife ich den Allerwertesten zusammen und warte auf Tom der pünktlich um 6:30 vor der Türe steht als ob er es nicht erwarten könnte dem Feind endlich ins Gesicht zu sehen.

Nachdem wir uns gut 2 Stunden durch den Schnee gepflügt haben erreichen wir leider schon den Hafen von Konstanz. Tschüss Sitzheizung, tschüss Klimaautomatik und hallo Schneetreiben das wilder nicht sein könnte. Wir hangeln uns auf dem nassen, rutschigen Steg zu Andreas’ “Stämpli” vor und schmeißen unsere Sachen ins Boot. Ungläubig erfahre ich, dass Andreas und Elke auf dem Boot geschlafen haben und später stolz berichten, dass sie es von 6 auf angenehme 10 Grad “aufgewärmt” haben. Ich bin ein Weichei denke ich mir und bin trotzdem froh als ich bei unserer Regattabesprechung wieder eine heiße Tasse Kaffee umarmen kann.

Wind aus Westen. Gesegelt wird das olympische Dreieck und ich als Jollensegler darf eine Yacht steuern die ich nicht kenne. Mit dem Argument: „…du hast ja Regattaerfahrung“. Was aber soll mich heute also noch schocken?! Damit ist die Verteilung geklärt. Tom und Elke werden sich um die Genua und den Spinnaker kümmern, ich ums Steuer.

Wieder am Boot angekommen werden die letzten Vorbereitungen getroffen bei denen uns Andreas noch hilft, aber leider nicht mitsegeln kann. Alle Schoten sind an den entsprechenden Segeln angebracht, der Spibaum installiert und die Thermoskanne in Griffweite. Und was noch viel wichtiger ist: es hat aufgehört zu schneien. So fühlen sich die 5 Grad die es mittlerweile hat wie 5,5 Grad an. Ich muss dazu sagen, dass auch die Gesichter anderer Segler deutlich an Farbe und Motivation gewonnen haben.

Es ist nun 11:40 Uhr…wir motoren aus dem Hafen und setzen Segel bei merklich zunehmendem Wind. Der Gedanke Spinnaker wird bei Böen um die 4-6 Windstärken und stark drehendem Wind einvernehmlich verworfen was mich zusätzlich beruhigt nachdem das Boot und ich uns immerhin schon gefühlte zwei Minuten beschnuppert haben. Ich akzeptiere, dass es sich nicht um einen 505er handelt und das Boot dankt es mir mit ruhiger stampfender Fahrt gen Startboot.

11:58 Uhr…3 Augenpaare suchen verzweifelt nach dem Startboot und Boje/Startboot 2 die die Startlinie markieren sollen. Dass nun aber statt einer Boje ein Dinghi eingesetzt wird, überrascht uns alle doch sehr. Mit etwas Hektik steure ich also die “Stämpli” in eine gute Ausgangsposition, da der Schuss für das erste Startfeld bereits gefallen war.

12:10 Uhr…unser Startschuss ist gefallen, vor uns kreuzt eine Yacht und flankiert werden wir sowohl Backbord als auch Steuerbord von einem Boot. Denkbar ungünstig, alle Segel aufgefiert und fast still stehend, manövrierunfähig im Windschatten anderer und ohne Fahrt warten wir ab bis uns die Konkurrenz mitmachen lässt. Wenn man im Regattahandbuch “verpatzter Start” nachschlagen könnte würde man mit Sicherheit ein Bild aus der Vogelperspektive von mir finden, umzingelt von Schiffen mit oben genanntem Text. Da wäre ich doch lieber Vorschoter gewesen.

Geschafft! Endlich kreuzen wir die Startlinie. Mein Frust über die missglückte Startsituation ist verflogen und hart am Wind kreuzt die “Stämpli” mit überraschender Geschwindigkeit in Richtung erster Boje. Die Genau und das Groß stehen wie eine eins und der ein oder andere Konkurrent sieht nur noch unser Heck vor sich – ein gutes Gefühl! Und so langsam weiß ich auch wieder warum es sich gelohnt hat heute Morgen aufzustehen.

Die Taktik, etwas länger hart am Wind zu kreuzen, mit mehr Fahrt abzufallen und das Feld zu überfahren geht auf. Aus sicherer Entfernung beobachten wir entspannt die nervenaufreibenden Zweikämpfe die sich das Hauptfeld in Lee liefern. Vorfahrt beanspruchen und andere zum Wenden zwingen, Konkurrenten Luv überfahren und im Windschatten stehen lassen usw. Allerdings beeindruckt uns doch mehr das uns entgegensegelnde 1. Startfeld beim Versuch von Boje 1 zu 2 den Spinnaker zu hissen. Laut flattern und knallen die bunten Segel wenn eine Böe zustößt. Ich glaube es hat keine Minute gedauert bis der letzte von den schwer Motivierten eingesehen hat das es heute mit dem Spi nicht sein soll. Andere haben den Gedanken mit dem Spi nicht nur verworfen sondern gleich noch das erste Reff gesetzt, was bei den immer kräftiger einfallenden Böen durchaus angebracht war.

Mit unserer Taktik laufen wir ohne korrigieren zu müssen perfekt die erste Boje an und umrunden diese souverän. Tom und Elke leisten einen tollen Job da vorne und sofort nach der Wende stehen die Segel wieder. Apropos stehen: an Boje 1 haben wir direkt 3 oder 4 Boote stehen lassen und uns weiter nach vorne gehangelt. Die Stimmung ist jetzt nicht nur dank der gefühlt etwas steigenden Temperaturen großartig an Bord.

Mit guter Fahrt geht es nun mit achterlichem bis halben Wind auf Boje 2 zu. Das Feld hat sich spürbar aufgelockert und wir einen angenehmen Freiraum zu anderen Seglern (außer dem Boot das sich in der Rangliste nachher hinter uns einreiht).

Höher am Wind gelegen versuchen wir gegen die Böen, die uns immer wieder in den Wind drücken, den Gegner in den Windschatten zu stellen, wenn der Wind in den Böen nur nicht immer die Tendenz Halbwind hätte. So bleibt es eher ein Versuch mit gelingenden Ansätzen aber eben doch nur ein Versuch. Spaß macht es jetzt allemal und man mag es nicht für möglich halten, zum ersten Mal ertappe ich mich bei dem Gedanken: „Das machst du nächstes Jahr wieder.“

Dank starker Böen und taktischer Spielereien sind wir schneller an Boje 2 als erwartet. Zielsicher zirkeln wir die “Stämpli” an das gelbe Plastik heran und sind eigentlich bereit zu halsen. Aber als ob jemand das Zeichen für allgemeines Planschen an Boje 2 für alle Laser gegeben hätte legt sich der erste Laser gleich Luv neben der Tonne. 5 Meter weiter rechts gesellt sich der zweite Laser Lemming dazu. Kurz schaue ich nach Segel und Wind, da liegen 4 weitere als ob man sich nach der böigen Strapaze erstmal abkühlen sollte.

Also umfahren wir großzügig und kein bisschen neidisch um dieses Badeerlebnis das Kenterkonglomerat und steuern auf die letzte Boje zu. Souverän umrunden wir die Tonne zwischen den aus Startfeld 1 kommenden Booten. Unspektakulär und schon einen Schlag später überqueren wir die Ziellinie und werden mit warmen Sonnenstrahlen der tiefstehenden Sonne belohnt als wir zurück in Richtung Hafen segeln.

An Land wird mir wieder einmal mehr klar warum man Regatten und auch genau diese “Regatta der Eisernen” segeln soll. Freude strahlende Gesichter wohin das Auge blickt, man tauscht sich über das eben Erlebte aus und wohl kaum sind Segler mehr eine Familie als an diesem kalten Tag im November der mit Schnee begann und zu solch einem sonnigen Ende kam.

Vielen Dank an Thomas Bretz, Elke Faude und “ihr wisst schon wer”. Mit euch war das frieren nur halb so schlimm und das Segeln umso schöner!

Henrik Anhut

PS: In der Gruppe Yardstick 112 belegten wir von 33 gestarteten Booten den 10. Rang. In der Gesamtwertung waren auf der kleinen Bahn 133 Boote gestartet; davon belegten wir Rang 70.

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